Berlin 2025 nach den Proben.
VOM WERKSTATTRAUM AUF DIE BÜHNE DER MÜNCHNER KAMMERSPIELE

Berlin 2025 nach den Proben.
VOM WERKSTATTRAUM AUF DIE BÜHNE DER MÜNCHNER KAMMERSPIELE
Auf dem Weg ins Deutsche Theater.
Das Theaterensemble „Die Blindgänger“ erlebt ein außergewöhnliches Jahr.
Was lange als Vision lebte, ist im vergangenen Jahr Wirklichkeit geworden: Schauspielerinnen und Schauspieler des SWW-Theaterensembles „Die Blindgänger“ und Sängerinnen und Sänger des Südbayerische Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte gemeinnützige GmbH-Kammerchors standen gemeinsam mit professionellen Darstellerinnen und Darstellern – unter anderem mit Samuel Koch – auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Ein Meilenstein für inklusives Theater und ein bewegendes Kapitel in der Geschichte der SWW.
Der Autor und Regisseur Thomas Kök suchte für seine Produktion „proteus 2481“ einen Chor von Satyrn – und fand ihn bei den Blindgängern. In einem Workshop in der SWW lernte er das Ensemble kennen und schrieb das Stück eigens für die Schauspielerinnen und Schauspieler mit Sehbeeinträchtigung um. Gemeinsam mit der langjährigen Regisseurin Sacha Anema wurde das Konzept verfeinert und im Frühsommer intensiv vorbereitet.
Doch schon bei den ersten Proben im Oktober auf der großen Bühne zeigte sich: Theater ist lebendig – und vieles musste neu gedacht werden. Texte wurden geändert, Szenen umgestellt, Lieder gestrichen und neue hinzugefügt. Auch jenseits der Bühne galt es, zahlreiche Herausforderungen zu meistern: Der altehrwürdige Bau an der Maximilianstraße ist alles andere als barrierefrei. Wege zur Kantine und Toilette mussten ertastet, Fahrdienste flexibel organisiert und Probenzeiten neu abgestimmt werden.
Für die Ensemblemitglieder, die bislang in den gewohnten Strukturen der Werkstatt arbeiteten, bedeutete das eine völlig neue Arbeitswelt: unregelmäßige Zeiten, abendliche Aufführungen, wechselnde Probenpläne – und Texte, die sich im Minutentakt änderten. Braille-Versionen konnten oft erst über Nacht erstellt werden; Tonaufnahmen und Organisation liefen auf Hochtouren. Doch niemand ließ sich entmutigen: Der Traum, als gleichberechtigte Künstler auf einer großen Bühne zu stehen, war stärker als alle Hindernisse.
Am 13. Dezember 2024 war es schließlich so weit: Vor ausverkauftem Haus feierte „proteus 2481“ Premiere – eine der erfolgreichsten inklusiven Theaterproduktionen des Jahres. Das Publikum war begeistert, die Kritiken durchweg positiv. Von nun an waren die Blindgänger Teil des täglichen Theaterbetriebs: Kostüm, Soundcheck, Warm-up – und dann hinaus in das gleißende Bühnenlicht. Jede Aufführung wuchs über sich hinaus, jede Vorstellung brachte neue Energie, neue Freude und neue Sicherheit.
„proteus 2481“ wurde zum Publikumserfolg, die Vorstellungen blieben bis zum Sommer ausverkauft. Das Ensemble wurde fester Bestandteil der Kammerspiele, nahm an Festen teil, besuchte Premieren und wurde von Kolleginnen und Kollegen herzlich aufgenommen. Dienstags wurde in der Werkstatt weiter geprobt, um fit für die nächsten Aufführungen zu bleiben.
Ein weiteres Highlight folgte mit der Einladung an das Deutsche Theater Berlin. Vier Tage lang gastierten die Blindgänger in der Hauptstadt und standen dort auf einer Bühne mit Drehbühne, neuem Bühnenbild und anderen Arbeitsabläufen. Trotz aller Umstellungen gelang ihnen eine umjubelte Vorstellung – vor vollem Haus, mit prominenten Gästen und unvergesslichen Begegnungen.
Voll erfüllt und glücklich kehrte das Ensemble nach München zurück. Die Rückkehr in den Werkstattalltag war nicht leicht – zu groß waren die Eindrücke, zu stark die Emotionen. Geblieben ist das Bewusstsein, dass echte Inklusion auf der Bühne Wirklichkeit geworden ist. Und der unerschütterliche Wunsch, weiterzumachen.

Erste Proben mit Kostüm.


Über die Südbayerische Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte gemeinnützige GmbH

Cathleen Hestermann
Geschäftsführerin

Anzahl Mitarbeitende: 289 Gesellschafter: Blindeninstitutsstiftung und Bayerischer Blinden- und Sehbehinderten Bund e. V.