Jahresbericht des Blindeninstituts Würzburg 2017
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Zur Sprache gebracht: Taktiles Gebärden

In der zweiten Maihälfte startete in Würzburg die

Veranstaltungsreihe „Sprache erleben“, die zum Ziel

hat, im Sinn der barrierefreien Kommunikation auf die

Sprachenvielfalt und Bedürfnisse unterschiedlicher

Kommunikationsgruppen in unserer Gesellschaft

aufmerksam zu machen. Initiatoren sind das Netzwerk

verständliche Sprache, das Büro für Leichte Sprache

Würzburg, die Blindeninstitutsstiftung und die Dr.-

Karl-Kroiß-Schule. An insgesamt vier Veranstaltungs-

abenden waren interessierte Bürger eingeladen mit

verschiedenen Sprachformen in Berührung zu kommen.

Die erste Veranstaltung der Aktionswochen wurde

vom Blindeninstitut Würzburg unter dem Titel „anders

sehen – anders reden“ angeboten. Rund 40 Besucher

kamen in den Dauthendey-Saal der Würzburger Stadt-

bücherei, um zusammen mit der jungen taubblinden

Harmit Kaur-Toor (23) Leben und Lernen mit Taub-

blindheit kennenzulernen. Und um „Sprache erleben“

wörtlich zu nehmen, setzten das die Referentinnen

Jutta Wiese (Konrektorin Taubblindenbereich), Tabea

Sadowski (Fachkraft für Kommunikation und Rehabi-

litation) und Nina Holzinger (Heilpädagogische Unter-

richtshilfe) gleich praktisch um.

Mit geschlossenen Augen erlebte das Publikum zu

Beginn des Abends, wie plötzlich jemand an ihnen

vorbeiging und sie leicht streifte oder der Stuhl kurz

bewegt wurde. Zu hören gab es weitgehend nur Stille.

„Das schlimmste war, dazusitzen und nicht zu wissen,

was auf einen zukommt“, meinte eine Besucherin nach

dem Experiment. Eine andere Teilnehmerin schilderte,

dass sie das Zeitgefühl verloren hatte und nur dachte:

Wie lange dauert das?

Gefühlte Sprache

Ohne Fernsinne wie das Sehen oder das Hören lebt

man in einer isolierten Welt und benötigt besonde-

re Zugänge zur Außenwelt. „Nur der taktile Sinn,

das Tasten und Fühlen, kann einen Menschen mit

Taubblindheit aus seiner Isolation holen und ist das

Sprachrohr zur Außenwelt“, betonte Jutta Wiese.

Kommunizieren, einen individuellen Zugang zum Men-

schen und eine gemeinsame Sprache zu finden sind

die wichtigste Aufgabe in der Taubblindenpädagogik.

Über Sprache kann Orientierung vermittelt werden,

sowohl zeitlich als auch räumlich und personell. Und

das ist eine Grundlage für ein weitestgehend selbstbe-

stimmtes Leben, in dem Wünsche und Bedürfnisse ge-