Jahresbericht des Blindeninstituts Würzburg 2017
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Projekt Vibeonic

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mplified

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elf

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nteraction)

Seit 25 Jahren arbeite ich im Erwachsenenbereich

des Blindeninstituts Würzburg und betreute hier

schon viele Menschen mit den unterschiedlichsten

Beeinträchtigungen. Ein zentrales Thema war dabei

immer wieder die Möglichkeit der Kommunikation bei

schwer-mehrfach behinderten Menschen im musika-

lischen Bereich. In letzter Zeit beschäftige ich mich

intensiv mit der Musikrezeption unter dem Aspekt

der Vibrationswahrnehmung. Ich konnte dabei fest-

stellen, dass gehörlose Menschen eine erstaunlich

hohe Fähigkeit besitzen, musikalische Klänge über

vibratorische Reize zu differenzieren. Und das führte

mich letztendlich auch zur Erklärung, einer der drän-

gendsten Fragen, die Kollegen immer wieder an mich

stellen: “Warum lautiert der bzw. die Bewohnerin so

stark, wenn er oder sie doch nicht hören kann?“

Ein taubblinder Bewohner, der lautiert, kann sich zwar

nicht hören, aber die Vibrationen spüren, welche der

von ihm produzierte Schall in seinem Körper hervor-

ruft. Daraus folgte für mich die Frage nach der Moti-

vation. Mir wurde bewusst, dass in der Regel alle mir

bekannten Angebote einer Vibrationswahrnehmung

einen Konsumcharakter haben, da wir in der Regel die

Bewohner Musik von einem Tonträger spüren lassen.

Eher Ausnahmen bilden Angebote, bei denen der z.B.

auf einer Klangliege liegende Bewohner erfährt, wie

ich ihm etwas zuführe, damit er seine Laute spüren

kann, bspw. indem ich ihm das Mikrofon gebe. Dies

aber ist nur von kurzer Dauer bzw. für eine definierte

Zeitspanne für ihn erfahrbar, da ein Klangbett oder

eine Klangliege ortsgebunden sind. In seiner normalen

Wohnumgebung, also dort, wo er seine Laute vibra-

torisch über seinen Körper empfindet, hat er keine

Hilfsmittel um sich verstärkt taktil zu spüren.

Wir Menschen aber haben das tiefe Bedürfnis uns

zu spüren, uns zu erfahren. Wir wollen uns auf eine

bestimmte Art und Weise wahrnehmen. Ältere

Menschen, die bereits einen Teil ihrer Hörfähigkeit

eingebüßt haben sprechen z.B. oft sehr laut. Hier

wird der Verlust der gewohnten Selbstwahrnehmung

durch Steigerung der Intensität kompensiert. So liegt

nahe, dass auch Bewohner mit Hörbeeinträchtigung

eine sogenannte vibrotaktile Selbstwahrnehmung, im

Sinne des Erfahrens von Selbstwirksamkeit erzeu-

gen möchten. Da jedoch der Körper eines Menschen

träger als Luft auf den erzeugten Schalldruck reagiert,

wird eine höhere Amplitude, also Lautstärke benö-

tigt, um eine spürbare vibrotaktile Wahrnehmung zu

erzeugen.

Erste Projektidee

Wir setzen so also voraus, dass ein gehörloser

Mensch eine Empfindung der eigenen Schalläußerung

hat, jedoch nur auf einem sehr hohen, akustisch wahr-

nehmbaren Lautstärkeniveau. Und wenn so, durch das

laute Lautieren, ein betroffener Mensch eine hohe

Energie aufwenden muss, um eine Empfindung dieser

Art zu erfahren, dann wäre es doch sinnvoll, ihn durch

technische Hilfsmittel in seinem Bestreben, sich sel-

ber wahrzunehmen, zu unterstützen.

Unterstützt und ermutigt von Herrn Dr. Heckner begab

ich mich im vergangenen Jahr auf die Suche nach ge-