Der achtjährige Ben lernt, wie er sich mit dem akustischen Leitsystem am Tablet alleine orientieren kann.

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Der achtjährige Ben lernt, wie er sich mit dem akustischen Leitsystem am Tablet alleine orientieren kann.

MIT DER APP SELBSTSTÄNDIG IM SCHULHAUS ORIENTIEREN

Das Blindeninstitut Aschaffenburg ist mit einem digitalen akustischen Leitsystem ausgestattet. Von Philipp Heilgenthal.

Im Blindeninstitut Aschaffenburg wurde im vergangenen Sommer ein Pilotprojekt erfolgreich umgesetzt, das schon bald im ganzen Land Schule machen könnte. Die jungen Schülerinnen und Schüler lernen, sich mittels einer App und dank eines modernen digitalen akustischen Leitsystems im Schulgebäude zu orientieren. Die Leiterin des Blindeninstituts Aschaffenburg Andrea Karl erzählt, wie das Projekt läuft und wieso es den Kindern und Jugendlichen auch im Alltag entscheidend weiterhilft.

Das Blindeninstitut Aschaffenburg bietet für über 40 Kinder und Jugendliche mit Blindheit oder Sehbehinderung und weiteren Beeinträchtigungen ein ganzheitliches Förder- und Freizeitangebot. Je nach Förderbedarf besuchen sie die Einrichtung bis zur 12. Jahrgangsstufe, die meisten aber bis ins junge Teenageralter. Seit März 2022 hat das Blindeninstitut Aschaffenburg den Neubau im Ahornweg unweit des Stadions am Schönbusch bezogen, der neben der Graf-zu-Bent-heim-Schule auch eine Heilpädagogische Tagesstätte und eine Frühförderung beherbergt.

„Das Gebäude ist seitdem besonders blinden- und sehbehindertenspezifisch eingerichtet“, erzählt Andrea Karl bei einer Führung durch das Haus. Beispielsweise sind tastbare Informationselemente mit Wiedererkennungswert auf den Handläufen befestigt und Lichtbänder zieren die Decke. Außerdem besitzt das Haus eine klare Orientierungsstruktur und einzelne Orte haben eine eindeutige Bezeichnung, wie etwa „Ausgang Spielplatz“. Schließlich sind die Wände – je nach Gang – mit verschiedenen starken Signalfarben versehen und an wichtigen Stellen sind Wandelemente mit individuellen Akustiksymbolen angebracht. Diese reichen als akustische Orientierungspunkte jedoch bei weitem nicht aus.

Beispiel eines Textes, den die BlindSquare-App einem beim Gang durch das Blindeninstitut Aschaffenburg vorsagt.

Durch Spenden finanziert

Daher hatte Maria Wiesner die Idee, ein digitales akustisches Leitsystem am Blindeninstitut Aschaffenburg einzuführen. Sie ist Rehafachkraft für Orientierung und Mobilität und damit eine echte Expertin auf diesem Gebiet. „Viele der Schülerinnen und Schüler können sich Dinge aufgrund kognitiver Schwächen nur schlecht merken. Für sie stellt das digitale Leitsystem eine wichtige Hilfe dar, mit der sie lernen, sich selbstständig im Schulgebäude zu orientieren“, erklärt Wiesner. Und weiter: „Auch wenn manche von ihnen nie eigenständig unterwegs sein können, ist es für sie trotzdem wichtig zu wissen, wo sie sich gerade befinden. Das gibt ihnen Sicherheit.“

„Viele der Schülerinnen und Schüler können sich Dinge aufgrund kognitiver Schwächen nur schlecht merken. Für sie stellt das digitale Leitsystem eine wichtige Hilfe dar, mit der sie lernen, sich selbstständig im Schulgebäude zu orientieren.“

Maria Wiesner, Rehafachkraft für Orientierung und Mobilität

Die finanziellen Mittel für dieses System musste die Außenstelle selbst aufbringen. Daher sammelte das Institut bereits im Winter 2022/23 fleißig Spenden für die Installation des Systems, die am Ende etwa 6.500 Euro kostete. Seit dem Frühsommer 2025 ist es in den Gängen des Gebäudes installiert.

Anders als bei bisherigen akustischen Leitsystemen ist von der neuen digitalen Version in den Gängen der Schule in Aschaffenburg quasi nichts zu sehen. Für das System reichen einige unauffällige kleine quadratische Kästchen an der Decke aus. Es wird über die App „BlindSquare“ ausgespielt, die auf digitalen Endgeräten – bisher leider nur auf Smartphones und iPads von Apple – nutzbar ist. Android-Geräte sollen noch hinzukommen. Die App kommuniziert automatisch mit festgelegten Orientierungspunkten, welche digital mit der App kommunizieren und so wichtige Informationen zur unmittelbaren Umgebung bereitstellen. Damit bekommen App-Nutzerinnen und -Nutzer vorgesagt, wo sie sich befinden und was sich in ihrer Umgebung befindet. Durch Schütteln des Geräts können dann sogar noch spezifischere Informationen abgerufen werden.

Leiterin Andrea Karl und Initiatorin Maria Wiesner sind mit der BlindSquare-App zur Orientierung ihrer Schülerinnen und Schüler sehr zufrieden.

„Es muss sich noch einspielen. Die Kinder und Jugendlichen müssen ja erst einmal lernen, damit umzugehen“, sagt Andrea Karl. So gebe es immer noch diverse kleine Herausforderungen, beispielsweise wie man ein Smartphone gut am Rollstuhl eines Kindes befestigen kann. „Wenn es verrutscht, ändert sich schließlich gleich die Position und damit der gesamte Informationsgehalt.“ Je nachdem wie die Kinder damit zurechtkommen, kann man in der App unterschiedliche Sprechgeschwindigkeiten einstellen. Auch die pädagogischen Fachkräfte, Betreuungskräfte und Therapeutinnen mussten zunächst erst einmal lernen, mit der App umzugehen, um das Wissen mit dessen Umgang entsprechend vermitteln zu können. Inzwischen gebe es aber erhebliche Fortschritte.

Wichtiges Training für den Alltag

Das digitale Leitsystem hilft den Kindern und Jugendlichen nicht nur in der Schule weiter. So ist die Stadthalle Aschaffenburg mit demselben System ausgestattet. Andere öffentliche Gebäude werden in naher Zukunft folgen, ist sich Karl sicher. Nicht zuletzt ist die Nutzung der BlindSquare-App auch ein wichtiges Training für die Kinder und Jugendlichen im Umgang mit anderen digitalen Hilfsmitteln. „Das Training hilft den Kindern daher ungemein weiter, sich auch im Alltag besser orientieren zu können und ein selbstständigeres Leben zu führen“, ist sich Andrea Karl sicher.

Über das Blindeninstitut Aschaffenburg

Andrea Karl

Institutsleiterin Aschaffenburg

Anzahl Mitarbeitende: 60 Anzahl Klient*innen: 154

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