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EIN JUWEL MIT KRATZERN

In München entstand vor knapp 50 Jahren die erste Außenstelle des Blindeninstituts Würzburg. Seit dieser Zeit wuchs das Münchner Institut unaufhörlich und bildet als südbayerisches Zentrum eine der tragenden Säulen innerhalb der Stiftungsgemeinschaft. Nun wird das architektonische Schmuckstück fit gemacht für die Zukunft. Von Dominik Röding.

„Jedes unserer Kinder und jede bzw. jeder unserer Jugendlichen ist genauso ein Teil der Gesellschaft wie alle Menschen außerhalb der gelben Mauern, hinter denen unser Blindeninstitut liegt“ – dies ist die Kernbotschaft, die Dorit Wiedemann in den Köpfen der Münchener Bürger*innen verankern möchte. Wo Menschen, egal welcher Herkunft, egal welchen Aussehens, egal welcher Handicaps, gemeinsam miteinander leben, ist eine Gesellschaft intakt. Man kann das mustergültig erleben, wenn man den Spielplatz innerhalb der Mauern des Blindeninstituts München besucht. Er steht allen offen, auch den Familien aus der Nachbarschaft. Ein wunderbarer Ort, wo Grenzen überwunden werden und Gemeinschaft erlebt wird. Vor 25 Jahren öffnete man die Pforten des Grundstücks für die Öffentlichkeit. Seitdem hat man, aufgrund der positiven Erfahrungen, weiterhin Kraft aufgewendet, um die restlichen Pforten des Grundstücks bestmöglich zu öffnen.

Im Herzen der Stadt

Dem Blindeninstitut kommt hierbei ein Vorteil zugute: Es liegt ideal. Das Haus ist verkehrstechnisch optimal angebunden, die Tram hält vor der Tür. Es ist mitten in München gelegen und daher eine attraktive Arbeitsstelle für die Mitarbeitenden. Es ist eine traditionsreiche Einrichtung, dessen Fassade Denkmalschutz genießt und zu den schönsten baulichen Ensembles der Stadt zählen darf. „Wir halten hier ein Juwel in der Hand“, sagt Wiedemann. Wer genauer hinsieht, erkennt aber Kratzer in der Oberfläche dieses architektonischen Schmuckstücks. Fragt man Wiedemann nach den größten Herausforderungen im Alltag, sind es die baulichen Gegebenheiten. Zu enge Gänge, zu wenige und zu kleine Räume, ein zu komplizierter Hausaufbau – all das erschwert den Kindern und Jugendlichen, die sich hier jeden Tag aufhalten, das Leben. Beim Gang durchs Haus trifft man auf Stolperfallen, Engstellen und volle Räume.

Dieser Umstand ist nicht unerheblich: Die wenigsten Kinder und Jugendlichen, die hier seien, würden „nur“ eine Sehbehinderung mitbringen, erklärt Wiedemann. „Viele sind blind, haben eine geistige Beeinträchtigung und zusätzlich eine körperliche Behinderung. Weniger als 30 % können sich verbal äußern.“ Diese komplexen Behinderungen machen es den Kindern und Jugendlichen schwer bis unmöglich, eigenständig nach draußen zu gehen und am Münchener Leben teilzunehmen. „Deshalb wollen wir das Haus, soweit es geht, öffnen“, wünscht sich die Leiterin.

Vermächtnisse aus alter Zeit

Die traditionsreiche Geschichte des Hauses ist von unschätzbarem Wert, gleichzeitig legt es der Einrichtung Steine in den Weg auf seinem Gang in eine solide Zukunft. Um dies genauer zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte des Hauses, die Mitte des 19. Jahrhunderts begann und die heutigen Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt. Denn das Maria-Ludwig-Ferdinand-Haus, das seinen Namen den ehemaligen Schirmherren – dem Neffen des bayerischen Königs, Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern (1859–1949), und seiner Frau, Prinzessin María de la Paz, Infantin von Spanien (1862–1946) – verdankt, wurde einst als Asyl für verwaiste Mädchen in einem alten Bauernhof gegründet. Es war Gräfin Viktoria von Butler-Clonebough-Haimhausen (1811–1902), eine der bedeutendsten Frauengestalten ihrer Zeit, die sich für den Schutz alleingelassener Mädchen einsetzte. Das kleine Kinderasyl, das seit 1884 von den Franziskanerinnen von Maria Stern geführt wurde, platzte bald aus allen Nähten, so dass sich die Verantwortlichen gezwungen sahen, einen Neubau anzuregen. Ein erster Abschnitt wurde 1890 fertiggestellt und ermöglichte es, weitere Mädchen aufzunehmen. Innerhalb weniger Jahre konnten weitere angrenzende Grundstücke erworben werden und der Komplex wuchs stetig. Aufgrund seiner Größe konnten nun auch Waisenknaben aufgenommen werden, für die der Prinz als Schirmherr einstand. Ende des 19. Jahrhunderts lebten 150 Mädchen und 100 Jungen im Asyl in der Romanstraße.

Luftbild des zweiflügeligen Häuserkomplexes zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gut zu erkennen ist hier die symmetrische Struktur des Anwesens.

Innerhalb weniger Jahrzehnte war ein ansehnlicher Baukomplex entstanden, der in der ganzen Stadt Befürworter gefunden hatte, so dass die Zahl der zunächst ausschließlich weiblichen Mitglieder im zugehörigen Unterstützerinnenverein, dem St.-Marien-Ludwig-Ferdinand-Verein, schnell wuchs. Zäsuren brachten die beiden Weltkriege. Im Ersten Weltkrieg wurde ein Artillerieregiment der Bayerischen Armee einquartiert. Im Dritten Reich mussten sich die Kinder die Räumlichkeiten mit Abteilungen des Deutschen Jungvolks und des Bundes Deutscher Mädel teilen. Die Bombenangriffe der Alliierten richteten in den letzten Kriegsjahren schwere Schäden an und zerstörten das zweckentfremdete Anwesen in großen Teilen. In den Nachkriegsjahren kümmerte man sich schnell um einen Wiederaufbau des Ensembles, bei dem sich die Münchener Mäzenatin und damalige Vereinsvorsitzende Paula Zell (1881–1963) besonders hervortat.

Nachdem das Blindeninstitut München dort einzog, wurde das Anwesen zwischen 1984 und 2006 in sieben Bauabschnitten mit großem finanziellen Aufwand saniert und für die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler barrierefrei umgebaut. Weil die Fassade des Bauensembles unter Denkmalschutz steht und nicht verändert werden darf, bleibt das Haus trotz aller Modernisierungen ein Ort, der für eine Verwendung in einer Zeit konstruiert wurde, die andere Erfordernisse aufwies – ebenso wie der einst größte Bürgerverein, der nicht mehr in die heutige Zeit passte und sich im Jahr 2007 auflöste. „Durch die Auflösung des St.-Marien-Ludwig-Ferdinand-Vereins ging das Ensemble im Erbbaurecht vollständig in den Besitz unserer Blindeninstitutsstiftung über“, sagt Wiedemann und fügt hinzu: „Die Tradition soll gewahrt bleiben, weswegen der Name des Förderzentrums mit Genehmigung des Hauses Wittelsbach heute ‚Maria-Ludwig-Ferdinand-Schule‘ lautet.

Umfangreiche Sanierung der Fassade

Ab voraussichtlich 2026 laufen umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Fassade des Baudenkmals. So stammen manche Fenster noch aus der Nachkriegszeit, es tropft stellenweise durchs Dach, Türen lassen sich nicht abschließen. „Hier gibt es jede Menge zu tun – was übrigens mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist, die wir stemmen müssen“, sagt Wiedemann, „es klafft bislang noch eine Millionenlücke.“ In insgesamt vier Bauabschnitten sollen die Fassaden, Dächer und Dachterrassen unter energetischen Aspekten ertüchtigt werden. „Eine besondere Herausforderung für das Team besteht dabei in der Durchführung bei laufendem Betrieb in den verschiedenen Einrichtungen wie der heilpädagogischen Tagesstätte, der Schule und den diversen Wohnangeboten“, sagt die Leiterin. Mit den Planungsarbeiten ist das Münchener Büro Schmidt-Schicketanz betraut.

Pläne für die Zukunft

Seit fast 50 Jahren ist das Blindeninstitut in München aktiv, neben dem Standort in der Romanstraße auch im Haus St. Gabriel in einer Außenstelle in München-Solln. Beim Unterricht und der Betreuung liegt der Förderschwerpunkt im Sehen und in weiterem Förderbedarf, etwa in den Bereichen der geistigen und körperlich-motorischen Entwicklung hörsehbehinderter und taubblinder Schülerinnen und Schüler. Wiedemann bringt es auf den Punkt: „Unsere Erfolgsgeschichte fußt auf einer Vielzahl von Menschen, deren beherztes Handeln über viele Jahre hinweg zu dieser Entwicklung beigetragen hat.“

Das Blindeninstitut versteht sich als wichtiger Akteur im Münchener Sozialleben, der eng mit unterschiedlichsten Partnern auch über die Grenzen der Stadt hinweg zusammenarbeitet und eine Plattform für die Belange der Kinder und ihrer Familien schafft. In den nächsten Jahren solle das Blindeninstitut noch sichtbarer werden im Viertel. „Hierfür planen wir bereits eine Vielzahl an Aktionen.“

Im Rückblick auf die bald 50 Jahre werde ersichtlich, welche großartige Leistung die verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Blindeninstituts München in der Landeshauptstadt bewältigt haben, resümiert Wiedemann. Die Jahre des Aufbaues seien gekennzeichnet gewesen von großem Pioniergeist, hohem persönlichen Einsatz sowie der Entwicklung innovativer und neuer pädagogisch-therapeutischer Ideen und Konzepte. Wiedemann: „Daran möchten wir anknüpfen.“

Über das Blindeninstitut München

Dorit Wiedemann

Institutsleiterin München

Anzahl Mitarbeitende: 380 Anzahl Klient*innen: 797

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