

MIT HERZ UND STRATEGIE
Im Blindeninstitut Thüringen steht der Mensch im Mittelpunkt – mit individueller Förderung und großen Zukunftsplänen. Thomas Garten und Katrin von Vogt leiten das Blindeninstitut Thüringen in Schmalkalden, wo 61 Kinder und Erwachsene mit komplexen Behinderungen leben und lernen. Zwischen Verwaltungsaufgaben, Umbauplänen und Mitarbeitergesprächen treibt sie eines an: den Menschen hier die bestmögliche Förderung und Teilhabe zu ermöglichen. Ihr größtes Projekt ist ein neuer Campus mit eigenem Schulgebäude und einer Autismus-Ambulanz. Von Sara Sophie Fessner.
Thomas Garten leitet das Blindeninstitut Thüringen. Zwischen Mitarbeitergesprächen und Umbauplänen verliert er eines nie aus dem Blick: die Menschen, die hier lernen, leben und arbeiten.
Aufgeregt läuft die neunjährige Rebecca durch den Klassenraum. Sie lächelt. Mit den Händen fährt sie sich durchs Gesicht und die kurzen Haare. Vieles ist heute anders als sonst in ihrer Unterrichtsstunde in der Bent-heim-Schule am Blindeninstitut Thüringen in Schmalkalden. Der Institutsleiter Thomas Garten kommt zu Besuch und gemeinsam mit ihm schmücken die drei Kinder einen hölzernen Weihnachtsbaum.
Für die Schülerinnen und Schüler ist das eine ebenso lehrreiche wie herausfordernde Aufgabe. Sie müssen genau hinschauen, sich konzentrieren, eine Entscheidung treffen, diese kommunizieren und nicht zuletzt wird die Feinmotorik gefördert.
Für Thomas Garten ist es einer der Momente, die ihm deutlich machen, was ihn Tag für Tag antreibt. „Der Kontakt zu den Kindern gibt mir das Gefühl, das Richtige zu tun, und motiviert mich, dranzubleiben.“
Wie der Institutsleiter am Schreibtisch die Zukunft der Menschen gestaltet
Die Momente sowohl mit den Kindern als auch mit den hier lebenden Erwachsenen sind wertvoll für ihn, auch wenn sie in seinem Arbeitsalltag eher die Ausnahme sind. Denn als Institutsleiter arbeitet er meist am Schreibtisch. „Auch wenn ich momentan viel Zeit in meinem Büro verbringe, ist immer präsent, worum es hier im Blindeninstitut Thüringen geht“, sagt der 52-Jährige, der seine berufliche Laufbahn als Krankenpfleger begann und zuletzt als Pflegedirektor in einem großen Krankenhaus tätig war.
Heute schreibt er Mails, akquiriert Gelder und betreut Personal – so vielseitig seine Aufgaben sind, so zeitintensiv sind sie. Die anstehenden Renovierungsarbeiten am historischen Robert-Koch-Haus, dem Wohnhaus der erwachsenen Klientinnen und Klienten, gehören ebenso dazu wie Umbaumaßnahmen im Paul-und-Charlotte-Kniese-Haus, dem Schul- und Wohnhaus für Kinder. Auch der Umgang mit Kürzungen beim Etat, neuen Verordnungen der Politik oder Personalsuche in Zeiten des Fachkräftemangels zählen zu seinen Pflichten. Jeder einzelne Bereich ist eine Herkules-Aufgabe. Auf dem Schreibtisch von Thomas Garten landen sie alle, manchmal gleichzeitig.
Offene Gespräche mit den Mitarbeitenden als Schlüssel für ein gutes Miteinander
Im Juni 2025 hat er die Einrichtungsleitung übernommen. Nun also steht er vor all diesen Aufgaben und möchte sie vor allem aus einem Grund erfolgreich erfüllen: Er möchte den Menschen, die hier lernen und leben, eine bestmögliche Unterstützung und Versorgung ermöglichen. Seine Arbeit ist Voraussetzung, um den Betrieb im Blindeninstitut sicherzustellen, so dass jedes Rädchen ineinandergreift. Das kommt nicht nur den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen der Einrichtung zugute, sondern auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nur wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können sie sich auf die Unterstützung und Förderung der Menschen mit komplexen Behinderungen fokussieren. Daher sind Garten der regelmäßige Austausch und die offenen Gespräche mit den Fachkräften wichtig. So erfährt er direkt, wenn mal ein Rädchen klemmt.
Dabei steht ihm Katrin von Vogt zur Seite. Die studierte Sonderpädagogin ist seit der Gründung am Blindeninstitut Thüringen tätig, seit dem Jahr 2023 als stellvertretende Leitung. „Ich bin mit Leib und Seele Lehrerin und fühle mich sehr wohl mit den pädagogischen und strategischen Themen. Jeder von uns hat seine Stärken und wir ergänzen uns da sehr gut“, beschreibt die 57-Jährige die Zusammenarbeit mit dem Institutsleiter.
Ein neues Schulgebäude geplant
Ihr größtes gemeinsames Projekt aktuell: ein neues Schulgebäude. Derzeit arbeitet das Leitungsteam an einem entsprechenden Businessplan. Ein Schulneubau ist notwendig, weil das Kniese-Haus, in dem sich die Wohnschulkinder befinden, sehr beengt ist. Der Bedarf ist gewachsen, die Nachfrage groß.
Bislang gibt es auf dem Gelände des Blindeninstituts Thüringen kein eigenes Schulgebäude. Einige Klassen lernen aktuell dezentral am Stadtpark, einige werden in Klassenräumen im Wohngebäude unterrichtet – eine logistische Herausforderung. Durch den Schulneubau soll die Attraktivität sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für Mitarbeitende sowie Besucherinnen und Besucher gesteigert werden.
Garten ist zuversichtlich, dass dieses Mammutprojekt in den kommenden Jahren umgesetzt werden kann. Seine Vision ist ein Campus, der nicht nur eine neue Schule umfasst, sondern darüber hinaus zahlreiche weitere Angebote für die Menschen, die dort leben und lernen – eine Autismus-Ambulanz etwa, die vor Ort eine explizite Förderung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung anbietet. „So können wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden: eine hohe Fachlichkeit und eine bestmögliche Unterstützung und Betreuung für Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit und weiteren Behinderungen.“
Warum die Menschen den Takt vorgeben
„Der Mensch steht im Mittelpunkt“ – dieser Leitsatz wird im Blindeninstitut in Schmalkalden gelebt. Aktuell wohnen 35 Erwachsene und 26 Kinder mit komplexen Behinderungen in der Einrichtung. Sie müssen nicht nur gut betreut werden, sondern haben das Recht auf Teilhabe und optimale Förderung. „Wir stülpen nichts über. Die Menschen geben den Takt vor“, betont Garten. Und seine Stellvertreterin erklärt an einem Beispiel, wie das in der Praxis aussehen kann: „Der Unterricht ist anspruchsvoll für unsere Schülerinnen und Schüler und Pausen sind wichtig. Nach einer Unterrichtseinheit fällt es einigen Kindern und Jugendlichen nicht leicht, eine Pause zu machen und sich zu entspannen. Wir machen ihnen individuelle Angebote, dazu kann gehören, sich einen kleinen Film anzuschauen oder sich auf den Boden zu legen und auszuruhen.“
Das Team des Blindeninstituts hat bei allen Menschen stets die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse im Blick. So wie an diesem Morgen in der Klasse von Rebecca und ihren Mitschülern. Sie braucht eine Weile, um sich für eine Weihnachtskugel zu entscheiden. Immer wieder fährt sie mit den Händen über die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck. Dann wählt sie eine grüne aus und hängt sie gemeinsam mit dem Institutsleiter an den hölzernen Weihnachtsbaum.

Über das Blindeninstitut Thüringen

Thomas Garten
Institutsleiter Thüringen
Anzahl Mitarbeitende: 175 Anzahl Klient*innen: 290