Klient Michael und Gruppenleiterin Lisa Götz „kribbeln“ mit den Händen – das wäre vor drei Jahren noch nicht möglich gewesen.

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Klient Michael und Gruppenleiterin Lisa Götz „kribbeln“ mit den Händen – das wäre vor drei Jahren noch nicht möglich gewesen.

SOGAR KUSCHELN IST HEUTE DRIN

Dank der Sozialtherapeutischen Gruppe im Blindeninstitut geht es Michael viel besser. Von Sabine Tracht.

Hier gehen die Uhren anders als irgendwo sonst. Hier ist Zeit. Hier ist Raum. Hier wird auf jeden Einzelnen intensiv eingegangen. Das tut den vier Männern und der Frau aus der Sozialtherapeutischen Gruppe des Würzburger Blindeninstituts unglaublich gut. Allen fünf ist gemeinsam, dass sie mehrfache Beeinträchtigungen haben. Und zugleich eine psychiatrische Diagnose. Zum Beispiel Autismus. Oder Zwänge. Letzteres betrifft den blinden, mehrfach beeinträchtigten Michael (Name geändert).

Michael ist in jeder Lebenslage, in jedem Alltagsschritt auf Hilfe angewiesen, sei es bei der Pflege, bei Mahlzeiten oder in anderen Situationen. Michael ist blind sowie geistig und körperlich behindert. Doch all das spielt in der STG, wie die Sozialtherapeutische Gruppe abgekürzt heißt, keine Rolle. Hier spielt allein eine Rolle, dass Michael ein einzigartiger, liebenswerter Mensch ist, auch wenn er seine Impulse nicht kontrollieren sowie seine Gefühle schwer bis gar nicht ausdrücken kann und deshalb auch fremd- und autoaggressives Verhalten zeigt. Die vielen Probleme, die er im Juni 2021, als er in die STG kam, mitbrachte, wurden als Herausforderung angesehen. Damals hatte Michael beispielsweise seine Gefühle häufig nicht unter Kontrolle. „Vier- bis fünfmal in der Woche war er damals im Kriseninterventionsraum“, berichtet Gruppenleiterin Lisa Götz. Heute ist das höchstens noch ein paar Mal im Monat der Fall.

2021 hatte der 24-Jährige auch noch lange gebraucht, bis er sich in dem mit bunten Polstern ausgestatteten Raum von seiner Krise wieder einigermaßen erholt hatte. Es war eine intensive Begleitung mit physischer Anwesenheit des Mitarbeitenden vor der Tür nötig und eine gezielte verbale Beruhigung. „Heute benötigt er nur noch ein paar Minuten, die Tür ist offen. Es geht nur noch darum, ihn aus der Situation zu holen, er beruhigt sich meist selbst“, so Lisa Götz. Dass sich der junge Mann in den vergangenen dreieinhalb Jahren so positiv entwickeln konnte, ist dem speziellen Konzept der Gruppe zu verdanken. Michael darf hier seine Tics ausleben. Ein Tic besteht z. B. darin, dass er jedes einzelne Kleidungsstück, das er morgens anzieht, zuerst auf den Boden legen muss. Manchmal legt er den Pulli oder die Hose oder das Hemd mehrfach auf den Boden. Das Anziehen dauert. Manchmal 20 Minuten. Dafür ist Zeit.

Menschen mit vielfachen Behinderungen ist es unmöglich, seelische Probleme auf eigene Faust zu lösen. Wer kein Handicap hat, kann sich, wird er seelisch krank, einen Psychotherapeuten suchen. Oder einen guten Arzt. Michael ist darauf angewiesen, dass er auf verständnisvolle Menschen trifft, die ihm ein spezielles Setting bieten. Genau das fand er in der Sozialtherapeutischen Gruppe. Hier haben seine Tics Platz, denn es gibt genug geduldiges und geschultes Personal, das ihm assistiert. Hier kann er Krisen durchleben und daran wachsen, sagt Lisa Götz: „Früher, als Michael noch in einer regulären Gruppe war, gab es diese Chance nicht.“

Michael hat in seinem Zimmer eine Schaukel – das beruhigt ihn und hier kann er sich zurückziehen.

In Kontakt kommen

Das Personal der STG besteht aus 13 Fach- und Betreuungskräften, denen nicht nur ein sicheres Gehalt und angepasste Arbeitszeiten wichtig sind. Die Mitarbeitenden müssen physisch und psychisch einiges aushalten und mental stabil sein. Was sie tun, ist höchst anspruchsvoll. Jeder muss zu jedem Zeitpunkt vollkommen präsent sein. „Wir bemerken jede Nuance im Verhalten unserer Bewohnerinnen und Bewohner, um im Vorfeld deeskalierend handeln zu können“, sagt Lisa Götz. Das Team arbeitet untereinander eng vernetzt und den Bewohnern gegenüber „bindungszentriert“. Alles wird darangesetzt, in Kontakt zu kommen. Bei Michael war das am Anfang nicht möglich. Dass er sich heute in den Arm nehmen und kurz kuscheln lässt, bei außerhäuslichen Aktivitäten teilnehmen kann, ist für das Team ein gemeinsamer, riesiger Erfolg.

Wer sich anderen kaum verständlich mitteilen kann, überhaupt, wer nicht ausdrücken kann, was er gerade fühlt, was er denkt, muss mit heftigen inneren Spannungen fertigwerden. Menschen mit Sinnesbehinderung und kognitivem Handicap sind in ebendieser Situation. Kleinste Kleinigkeiten vermögen zu irritieren. Gleichzeitig fehlen die Worte, um der Irritation Ausdruck zu geben. Das belastet psychisch immens. „Unsere fünf Bewohner wurden früher immer wieder durch Psychiatrieaufenthalte aus ihrer Gruppe herausgerissen“, schildert Lisa Götz. Mit der STG schuf das Blindeninstitut vor drei Jahren ein erstes Angebot zwischen Psychiatrie und Regelgruppe. Räume wurden dem neuen Bedarf entsprechend umgebaut, das Personal wird fortlaufend mit entsprechenden Fortbildungen spezifisch geschult.

In der STG ticken die Uhren anders als an allen anderen Orten, an denen Menschen mit einer mehrfachen Behinderung sonst wohnen. So viel Zeit und Raum ist weder in der Förderschule noch in einer regulären Gruppe. Immer mehr Menschen sind auf ein solches Angebot angewiesen. Immer mehr Eltern suchen genau so etwas für ihre erwachsenen Kinder mit komplexen Behinderungen und einer gravierenden psychiatrischen Diagnose.

Das zeugt für einen Anstieg der Problematik, könnte man auf den ersten Blick meinen. Was auch nicht verwunderlich wäre, sind doch psychische Probleme aktuell insgesamt ein großes Thema. Viele Bürger leiden unter Depressionen. Auch die Diagnose „Autismus“ wird immer häufiger gestellt. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille.

Der steigende Bedarf, den das Würzburger Blindeninstitut registriert, bedeutet nicht zwangsläufig, dass mehrfache Beeinträchtigungen mit gleichzeitiger psychiatrischer Diagnose tatsächlich gehäuft vorkommen. Vielmehr schärfte sich der Blick. Es wird genauer hingeschaut.

Zudem wuchs die Erkenntnis in den vergangenen Jahren, dass es sich verhängnisvoll auswirken kann, wird diesen Menschen kein Setting geboten, in dem sie die Aufmerksamkeit erhalten, die sie benötigen. Und in dem individuell und beziehungsorientiert an ihren Problematiken gearbeitet werden kann. Fehlt dieses Setting, kann sich ihre Symptomatik massiv verschlechtern. Aber auch das Umfeld kann negativ beeinträchtigt werden. Weil der Bedarf so groß ist, plant das Blindeninstitut, eine zweite Gruppe zu eröffnen, sagt Institutsleiter Matthias Rüth.

Der reizreduzierte Kriseninterventionsraum, in dem die Klient*innen ihre Krisen im eigenen Tempo durchleben dürfen.

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