Wenn Berührung zur Sprache wird
Miterlebt: Wie gelingt Unterricht, wenn Sehen, Hören und Lautsprache nur eingeschränkt möglich sind? Zwei Förderschulen zeigen, wie Struktur, Materialien und unterstützte Kommunikation den Lernalltag tragen. Von Marco Karaschinski
Nicht mit Worten, sondern mit Berührungen: Lucas und seine Lehrerin Anja Dantinger begrüßen sich beim Morgenkreis. Die Hände dienen dabei als Sprachrohr.
Wenn Berührung zur Sprache wird
Miterlebt: Wie gelingt Unterricht, wenn Sehen, Hören und Lautsprache nur eingeschränkt möglich sind? Zwei Förderschulen zeigen, wie Struktur, Materialien und unterstützte Kommunikation den Lernalltag tragen. Von Marco Karaschinski

Nicht mit Worten, sondern mit Berührungen: Lucas und seine Lehrerin Anja Dantinger begrüßen sich beim Morgenkreis. Die Hände dienen dabei als Sprachrohr.

Nicht mit Worten, sondern mit Berührungen: Lucas und seine Lehrerin Anja Dantinger begrüßen sich beim Morgenkreis. Die Hände dienen dabei als Sprachrohr.
Wenn Berührung zur Sprache wird
Miterlebt: Wie gelingt Unterricht, wenn Sehen, Hören und Lautsprache nur eingeschränkt möglich sind? Zwei Förderschulen zeigen, wie Struktur, Materialien und unterstützte Kommunikation den Lernalltag tragen. Von Marco Karaschinski
Es ist kurz vor neun, als die Tür des Klassenzimmers von Förderschullehrerin Anja Dantinger in der Graf-zu-Bentheim-Schule in Würzburg aufgeht. Die Klasse TB1 besteht aus fünf Schülerinnen und Schülern mit Taubblindheit oder Hörsehbehinderung. Schon beim Betreten wird klar, dass es sich nicht um ein typisches Klassenzimmer handelt. Statt Reihen von Tischen und dem Lehrerpult als Zentrum wird man von einer einladenden Sitzecke und einem großen Gruppentisch begrüßt. Überall in dem Raum sind Gegenstände wie Wäscheklammern oder Tastspielzeuge verteilt, die man greifen, drücken, drehen oder sortieren kann. Wo in anderen Klassen das Alphabet an der Wand hängt, findet man hier große Plakate mit Gebärdensprache und Brailleschrift.
Der 16-jährige Lucas ist bereits da. Weil er taubblind ist, begrüßt er die Lehrerin nicht mit einem Zuruf, sondern mit Nähe. Er beginnt mit einem Abtasten seines Gegenübers. Hände finden Hände. Mit vorsichtigen und geübten Bewegungen fühlt er über die Finger und das Handgelenk auf der Suche nach einem Armband, welches ihm verrät, wer vor ihm steht. „Jeder von uns trägt ein spezielles Armband mit Anhängern oder Perlen, sodass uns die Schülerinnen und Schüler erfühlen können“, erklärt Anja Dantinger.
Nachdem sich die Schülerinnen und Schüler intensiv gegenseitig begrüßt haben, beginnt der tägliche Morgenkreis. Neben der Förderlehrerin begleiten auch Pflegekraft Veronika Chwieja und die Heilerziehungspflegerin Carolina Fuentes-Herrera das morgendliche Ritual.
Den Tag spürbar machen
Zu Beginn benennt Dantinger verbal und mit taktilen Gebärden, wer wo sitzt. Dann fassen sich die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte an den Händen und begrüßen mit einem dreimaligen „Guten Morgen“ den neuen Schultag. Die rhythmischen Worte werden von unterschiedlichen Gesten und Bewegungen begleitet. Die ganze Klasse wippt, schunkelt und gestikuliert mit den Händen. Anschließend begrüßt die Lehrerin jedes Kind einzeln, auch die Lieblingspuppe wird dabei nicht vergessen. Dazu schlägt sie eine große Schlitztrommel, die das Ritual begleitet. Ihr Ton ist tief und die Vibrationen sind deutlich spürbar. Einige Kinder setzen sich auf den Korpus der Trommel, um die Schwingungen des Holzes zu spüren.
Das Licht der Wärmelampe steht für die ersten Strahlen der Frühjahrssonne, die die Schülerinnen und Schüler auf ihrer Haut spüren sollen. Gemeinsam vertreiben sie die kalten Wintertage.
Das Licht der Wärmelampe steht für die ersten Strahlen der Frühjahrssonne, die die Schülerinnen und Schüler auf ihrer Haut spüren sollen. Gemeinsam vertreiben sie die kalten Wintertage.

Nach der eingängigen Begrüßung wird es für die Klasse thematisch. Der Winter soll gehen, der Frühling kommen. Dantinger hat eine Geschichte vorbereitet. Diese erzählt sie jedoch nicht nur mit Worten und Gebärden, sondern auch mit unterschiedlichen Gegenständen zum Fühlen und Riechen. Mit der Hilfe von Kunstgras, Watte, Kühlpacks und Parfüm, welches den Duft des Frühlings versprüht, verabschiedet sich die Klasse von der kalten und grauen Jahreszeit. Mit einer Sprühflasche, gefüllt mit Wasser, fühlen die Kinder den Regen des Winters – mit Hilfe der Lehrkräfte spannen sie Regenschirme, um sich vor dem kalten Nass zu schützen. Mit einem Ventilator fühlen sie den kalten Wind, der über das Land bläst. Abschließend kommt dann endlich die warme Sonne in Form einer Wärmelampe zum Vorschein und der Frühling bricht herein.
„Wir versuchen gezielt die Sinne der Kinder zu trainieren, indem wir sie mit verschiedenen Reizen ansprechen, indem wir sie verschiedene Dinge spüren oder auch riechen lassen“, sagt Anja Dantinger. Nach knapp einer Stunde und der erfolgreichen Vertreibung des Winters endet der Morgenkreis und die Kinder treffen sich zu einem gemeinsamen Frühstück am großen Gruppentisch.

Nach dem Morgenkreis freut sich Lucas schon auf das gemeinsame Backen. Er darf heute den Teig kneten.

Mit Regenschirmen schützen sich die Schülerinnen und Schüler vor dem kalten Nass des Winters, simuliert durch eine Sprühflasche, während sie gemeinsam mit Lehrerin Anja Dantinger den Frühling herbeirufen.
Lernen mit allen Sinnen
Szenenwechsel: Auch in der Bentheim-Schule in Schmalkalden gehört der Morgenkreis zum täglichen Ablauf. An diesem Morgen warten sieben Schülerinnen und Schüler darauf, den neuen Tag zu begrüßen. Einige sitzen in Rollstühlen, einer von ihnen ist der 14-jährige Lucas. Auch er hat eine Hörsehbehinderung. Im Gegensatz zu seinem Namensvetter in Würzburg hat er jedoch ein Restsehvermögen. Und noch etwas ist anders: Er wird nicht in einer Spezialklasse für Hörsehbehinderung und Taubblindheit unterrichtet, sondern ist das einzige Kind mit kombinierter Sinnesbeeinträchtigung in seiner Klasse. Seine Begrüßung erfolgt zuerst durch einen kritischen Blick und mit einem Stirnrunzeln, dann jedoch gefolgt von einem herzlichen Lachen und einer leichten Berührung am Unterarm.
Das große Klassenzimmer besteht aus einem liebevoll eingerichteten Raum mit Sitzsäcken und einer Liegeecke. Daneben befinden sich ein lang gezogener Arbeitstisch und eine wohnliche Küche. Die Räumlichkeiten sind in vielen unterschiedlichen Farben und Kontrasten gestaltet. Diese sind nicht zufällig ausgewählt, sondern Teil des Lernkonzeptes, erklärt Schulleiterin Katrin von Vogt. „Die Farben sind Teil unserer Kommunikation und helfen den Kindern nicht nur beim Ausdrücken von Gefühlen, sondern auch bei der Orientierung. Wir versuchen möglichst viel mit den Farben zu verbinden, so hat beispielsweise jeder Wochentag bei uns eine feste Farbe“, erklärt sie.

Doch nicht nur visuelle Reize werden gefördert. Im Musikunterricht etwa findet Kommunikation durch Berührungen der Hände und das Vibrieren von Musik statt. „Für taubblinde Menschen sind die Hände die Dolmetscher für die Welt“, sagt Förderschullehrerin Carola Döring. Das Fühlen und Abtasten seien wichtige Wege, die vorhandenen Sinne zu trainieren und den Menschen zu helfen, sich als Teil von etwas zu fühlen, erklärt sie weiter.
Lehrerin Kathia Schmitt beginnt den Morgenkreis mit einer Vorstellungsrunde und der Frage, was die Kinder am Vortag erlebt haben. „Jedes Kind hat seinen eigenen Gebärdenamen, passend zu besonderen Eigenschaften, die es auszeichnen“, erklärt die Lehrerin. Der Name einer Schülerin mit Sommersprossen wird beispielsweise durch ein Tippen der Fingerspitzen auf die Wangen dargestellt. Diese Namen werden während der Begrüßung von der gesamten Klasse wiederholt.
Auch bei der Erzählung vom Vortag wird mit allen Sinnen und dem ganzen Körper gearbeitet. Einige können verbal berichten, was sie gemacht haben, andere nehmen die Gebärden zu Hilfe oder arbeiten mit Metacom-Symbolen, einer auf Bildern basierenden Kommunikationshilfe. Die Schülerinnen und Schüler können auf einem Tablet Symbole anwählen. Das Tablet gibt sie als gesprochene Worte wieder, sodass die Kinder sich mitteilen können.
Beim gemeinsamen Brötchenbacken packt die ganze Klasse mit an. Es wird abgemessen, fleißig geknetet und darauf geachtet, dass die Brötchen rechtzeitig aus dem Ofen geholt werden.

Beim gemeinsamen Brötchenbacken packt die ganze Klasse mit an. Es wird abgemessen, fleißig geknetet und darauf geachtet, dass die Brötchen rechtzeitig aus dem Ofen geholt werden.
Gemeinsam kommunizieren und lernen
Die Kommunikation und das gemeinsame Lernen stehen dabei im Mittelpunkt, erklärt Kathia Schmitt. „Die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern ist das Schönste, was es gibt. Wenn sie lernen, was die Symbole bedeuten, und wir beobachten können, wie sie sich immer mehr und besser ausdrücken können, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl“, so die Lehrerin weiter.
Nach der Erzählrunde folgt die erste Aufgabe. Gemeinsam wird erarbeitet, welcher Wochentag ist und was heute auf dem Stundenplan steht. Jedes Kind hat dabei seine eigene Aufgabe. Die Klasse tauscht sich aus. Gemeinsam heften sie Symbolkarten auf das blaue Board, welches für den Mittwoch steht. Sie zeigen nicht nur das Datum und den Monat, sondern auch ein Bild mit einem Sitzkreis, einem Bäcker und einem Backofen, da heute Brötchen gebacken werden.

Geschafft! Nach einigen Minuten kommen die ersten duftenden Brötchen aus dem Ofen. Lucas freut sich über das Teamwork und das gelungene Ergebnis.
Der Morgenkreis endet mit einem Lied, zu dem abwechselnd ein großer Würfel mit verschiedenen Bildern geworfen wird. Je nach Symbol schnippen die Kinder zur Melodie, sie klatschen in die Hände oder strecken sich. Anschließend begibt sich die Klasse zum gemeinsamen Backen in die Küche.
„Die größte Herausforderung im Unterricht ist es, die Kinder mit ihren Bedürfnissen und unterschiedlichen Einschätzungen zusammenzubringen, sodass sie harmonieren und jeder seine Aufgabe hat“, sagt Kathia Schmitt. Während einige Kinder die Zutaten vorbereiten und abmessen, kneten andere den Teig oder behalten die Eieruhr im Blick, damit nichts verbrennt. Ihr Teamwork wird belohnt: Nach einer Weile holt die Lehrerin das erste Blech mit duftenden Brötchen aus dem Backofen.
Während in Schmalkalden die ersten Brötchen aus dem Ofen kommen und die Kinder Aufgaben untereinander aufteilen, arbeitet Lucas in Würzburg mit Anja Dantinger an seiner Geschichte, die er sich zurzeit ausdenkt. An einem eigenen Tisch bringt er sie mit der Punktschriftmaschine in Braille aufs Papier. Heute ist er gut vorangekommen und hat eine halbe Seite geschrieben. Andere Kinder tippen auf Symbole, die das Tablet in Worte übersetzt. Unterschiedliche Wege, derselbe Zweck: selbst etwas sagen können – und verstanden werden.