Sabine Kampmann und Stefan Wolfshörndl berichten von ihren Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“.

Mehr sehen, besser hören, länger dabeibleiben: Was Kommunen für ihre Bürger tun können

Nachgefragt: Besser sehen und hören: Ein Modellprojekt macht vor, wie Kommunen ihre Bürgerinnen und Bürger mit Sinnesbeeinträchtigungen besser unterstützen können. Von Roland Schmitt-Raiser

Sabine Kampmann und Stefan Wolfshoerndl sitzen an einem Tisch; vor ihnen liegen Formulare, die gerade unterschrieben werden.

Sabine Kampmann und Stefan Wolfshörndl berichten von ihren Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“.

Mehr sehen, besser hören, länger dabeibleiben: Was Kommunen für ihre Bürger tun können

Nachgefragt: Besser sehen und hören: Ein Modellprojekt macht vor, wie Kommunen ihre Bürgerinnen und Bürger mit Sinnesbeeinträchtigungen besser unterstützen können. Von Roland Schmitt-Raiser

Hör- und sehbeeinträchtigte Menschen ziehen sich häufig aus dem Alltagsleben zurück, mit zum Teil gravierenden Folgen für ihre weitere Gesundheit. Das Blindeninstitut Würzburg hat daher ein Modellprojekt ins Leben gerufen, das die aktive Teilhabe sinnesbeeinträchtigter Menschen auch in höherem Alter gewährleistet. Wir haben mit Sabine Kampmann, Projektverantwortliche beim Blindeninstitut Würzburg, und Stefan Wolfshörndl, Erster Bürgermeister der Gemeinde Gerbrunn und Vertreter einer der acht Modellkommunen, darüber gesprochen. Herr Wolfshörndl, was hat Gerbrunn dazu bewogen, sich als Modellkommune zu bewerben?

Stefan Wolfshörndl: Wir haben den Anspruch, immer ein Stück besser zu werden – und nicht einfach den Status quo zu verwalten. Das Thema ist mir persönlich nah: Ich kenne die Probleme auch aus meiner eigenen Familiengeschichte sowie die möglichen Lösungsansätze. In der Gemeinde haben wir Bürgerinnen und Bürger, die mit solchen Beeinträchtigungen leben. Und wenn man in der Kommunalpolitik von Barrierefreiheit spricht, hört das oft beim Aufzug auf. Dass man über Blindenschrift nachdenkt, über Bodenmarkierungen, über gut erkennbare Übergänge: Da haben wir noch sehr viel zu tun. Das Modellprojekt bot uns die Chance, einen Masterplan zu entwickeln und dabei fachliche Begleitung zu bekommen. Frau Kampmann, wie ist die Idee zum Modellprojekt entstanden, und welche Versorgungslücken haben Sie identifiziert?

Sabine Kampmann: Unser Projekt „Sehen im Alter“ von 2012 bis 2015 hat gezeigt: Jeder dritte Bewohner in Pflegeeinrichtungen war sehbehindert, aber die Mitarbeitenden wussten davon oft nichts und wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Seit 2017 bieten wir das Präventionsprogramm „Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen“ an, seit 2021 auch „Hören und Kommunikation“. Aber trotz all dieser Arbeit ist das Thema gesamtgesellschaftlich noch immer nicht wirklich im Fokus. Deshalb machen wir jetzt den nächsten Schritt, raus aus den Pflegeeinrichtungen, rein in die Kommunen. Warum besteht hier ein so großer Handlungsbedarf?

Kampmann: Das Seh- und Hörvermögen nimmt im Alter ab, besonders deutlich ab 60 Jahren. Unversorgte Seh- und Hörschwächen können die Entstehung einer Demenz begünstigen oder verstärken. Das belegt eine Lancet-Studie aus dem Jahr 2024. Wenn Auge und Ohr nachlassen, werden bestimmte Hirnareale nicht mehr stimuliert, und wer sich wegen schlechten Hörens oder Sehens aus dem sozialen Leben zurückzieht, beschleunigt diesen Prozess noch. Bevor man eine Demenzdiagnose stellt, sollte man deshalb immer zuerst Hör- und Sehvermögen prüfen.

Zitat: "Unversorgte Seh- und Hörschwächen können die Entstehung einer Demenz begünstigen oder verstärken." Sabine Kampmann

Was passiert konkret, wenn Beeinträchtigungen zu spät versorgt werden?

Kampmann: Dann ist das Kind oft schon in den Brunnen gefallen. Wer jahrelang schlecht gesehen hat, hat vielleicht die Freude am Lesen längst verloren. Und beim Hörgerät: Wie viele ältere Menschen kennen wir, die es in der Schublade liegen lassen, weil sie fünfmal beim Akustiker waren und sich nicht trauen, schon wieder nachzufragen? Solche Themen wollen wir in den Kommunen sichtbar machen. Herr Wolfshörndl, welche Rückmeldungen aus der Bevölkerung haben deutlich gemacht, dass Handlungsbedarf besteht?

Wolfshörndl: Es sind eher punktuelle Hinweise: Jemand sagt, der Gehsteig sei schlecht abgesenkt oder man solle eine Markierung anbringen, damit man nicht stolpert. Ich glaube aber, dass sich höchstens zehn bis fünfzehn Prozent der Betroffenen überhaupt melden, und meistens erst dann, wenn etwas passiert ist. Präventiv handeln, das ist genau der richtige Ansatz, den das Projekt verfolgt.

Mit den richtigen Hilfsmitteln können auch ältere Menschen mehr Freude am aktiven Leben behalten.

Ein älterer Mann nutzt eine Lupe, um in einem aufgeschlagenen Buch zu lesen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Blindeninstitut konkret ab?

Wolfshörndl: Seitens der Gemeinde arbeiten drei Personen direkt mit dem Team des Blindeninstituts zusammen: von der ersten Interessensbekundung bis zu den gemeinsamen Gesprächsrunden. Das war alles sehr professionell vorbereitet und begleitet, und die Reaktionszeiten sind kurz. Frau Kampmann, welche Angebote macht das Projekt den Kommunen konkret?

Kampmann: Feste Bausteine unseres Programms sind ein Erstgespräch mit der Gemeindeverwaltung, ein Bürgerschaftsforum sowie eine Ortsbegehung. Bei dieser schauen wir ganz konkret hin: Komme ich als Mensch mit Sehbeeinträchtigung von der Eingangstür des Rathauses bis ins Büro des Bürgermeisters? Sind die Beschriftungen lesbar? Stimmt die Akustik? Das Herzstück ist aber der runde Tisch. Wir bringen alle Akteure zusammen: Optiker, Akustiker, HNO-Ärzte, Augenärzte, Apotheken, Einzelhandel, Beratungsstellen. Und wichtig: Die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister lädt ein. Perspektivisch soll sich der runde Tisch als selbstorganisiertes Netzwerk etablieren, das unabhängig vom Modellprojekt weiterbesteht. Daneben bieten wir Schulungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an, von Vorträgen über Workshops bis zu Online-Formaten, damit Wissen ortsunabhängig weitergegeben werden kann. Herr Wolfshörndl, was erhoffen Sie sich konkret für Ihre Bürgerinnen und Bürger?

Wolfshörndl: Wir sind noch in der Findungsphase. Der erste Bürgerdialog hat gezeigt, dass wir beim Format noch dazulernen müssen: Abends im Winter ist für Menschen mit Beeinträchtigungen vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, an einer Veranstaltung teilzunehmen. Beim nächsten Schritt, einer Ortsbegehung, nehmen wir gezielt Bürgerinnen und Bürger mit, die sich angeboten haben, darunter auch jemanden aus der Seniorenarbeit. Ich bin überzeugt, dass wir dann ganz praktische Anknüpfungspunkte finden werden.

Ein Bildschirmlesegerät zeigt stark vergrößerten Text („Die Blindeninstitutsstiftung“) auf einem Tisch mit Lupen, Lampen, Lesegeräten und mehreren Brillen.

So individuell die Menschen sind, so individuell können die Hilfsmittel sein, die ihnen ein aktives Leben ermöglichen.

Was würden Sie anderen Kommunen raten, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigen möchten?

Wolfshörndl: Möglichst breit beginnen – Vereine, Kirchen, Seniorengruppen, Ärztinnen und Ärzte, alle mitnehmen. Aus Erfahrung weiß ich: Wenn die Bevölkerung mitbekommt, dass sich etwas tut, kommen oft weitere Interessierte dazu. Frau Kampmann, welche Herausforderungen begegnen Ihnen, und was beobachten Sie bisher in den Kommunen?

Kampmann: Eine Beobachtung stimmt mich nachdenklich: Bei den Bürgerforen kommen trotz guter Öffentlichkeitsarbeit fast ausschließlich Seniorinnen und Senioren, obwohl die Veranstaltungen bewusst offen gestaltet sind. Wie man das ändert, weiß ich noch nicht. Das Thema muss raus aus den Fachzeitschriften und in die breite Gesellschaft. Was soll am Ende der Modellphase stehen? Welche Erkenntnisse möchten Sie weitergeben?

Kampmann: Ganz sicher, dass man während des Projekts eng mit den politischen Vertreterinnen und den lokalen Akteuren zusammenarbeiten muss, damit das Thema nachhaltig verankert wird. Eine Gruppe, die dabei unbedingt mitgenommen werden muss, sind Quartiersmanagerinnen und Pflegelotsen. Mein Wunsch ist, dass es in jedem Regierungsbezirk eine Sinnesbeauftragte oder einen Sinnesbeauftragten gibt oder zumindest einen mobilen Dienst, der das Thema in die Kommunen trägt. Das klingt simpel – aber genau hier hapert es noch in vielen Regionen.

Modellprojekt „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“

Das Modellprojekt „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“ wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp gefördert und vom Blindeninstitut Würzburg durchgeführt. Acht Kommunen in Bayern nehmen derzeit teil.

Mehr Infos unter: www.blindeninstitut.de/sinnesonah
Zur vorherigen Seite

Impressum

Cookie-Einstellungen ändern

Datenschutzerklärung

Zur nächsten Seite