

VON DER FREIHEIT, AUCH MAL UNVERNÜNFTIG ZU SEIN
Wie gelingt der Wandel von liebevoller Fürsorge hin zu mehr Selbstbestimmung? Im Interview sprechen der Stiftungsvorstand Johannes Spielmann und Peter Häußler, der seit über 50 Jahren im Blindeninstitut Würzburg lebt, über personzentriertes Arbeiten, die Ausbildung zum Wegberater und warum vielleicht auch ein Bier zum selbstbestimmten Leben gehört. Von Roland Schmitt-Raiser.
Herr Spielmann, was hat Sie dazu bewogen, diesen Haltungswechsel hin zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe anzustoßen?
Spielmann: Eigentlich habe nicht ich das angestoßen. Wir haben das Thema Selbstbestimmung und Teilhabe als eines der Kernthemen auf unserem Weg zum Jubiläumsjahr 2028 identifiziert, gemeinsam mit den Führungskräften und der Personalvertretung. Zudem fällt so ein Thema nicht vom Himmel, sondern ist uns als Einrichtung und als Gesellschaft durch die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz aufgegeben.
War dazu ein Haltungswechsel notwendig?
Spielmann: Nein, viele Kolleginnen und Kollegen leben das längst. Es geht um eine Haltungsentwicklung und Positionierung von uns als Gesamtstiftung. Wir sind geprägt von Menschen mit zum Teil sehr komplexen Behinderungen. Zwei Drittel der Menschen, die wir begleiten, können nicht verbal kommunizieren. Unser Tun ist bestimmt von einer starken, liebevollen Fürsorglichkeit und einem hohen Anspruch an Fachlichkeit. Dabei verliert man manchmal den Blick darauf, dem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen. Dahingehend wollen wir uns stärker sensibilisieren.
Wie erleben Sie die Reaktionen der Mitarbeitenden?
Spielmann: Für viele Kolleginnen und Kollegen ist genau das auch ein Herzensanliegen. Es gibt eine große Bereitschaft, sich gemeinsam auf den Weg zu machen.
Das Projekt besteht aus drei Teilprojekten. Eines davon ist die Einführung des personzentrierten Arbeitens nach Marlies Pörtner. Was ist das Besondere dabei?
Spielmann: Marlies Pörtner war Psychotherapeutin und hat intensiv mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet. Sie hatte Carl Rogers als Vorbild, der die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie geprägt hat. Die drei Variablen von Rogers – Echtheit, Empathie und Wertschätzung – stehen auch bei Marlies Pörtner im Fokus. In jeder menschlichen Beziehung gibt es dieses Spannungsverhältnis: Wenn mir jemand lieb und wert ist, fällt es schwer, etwas Kritisches anzusprechen. Aber eine Beziehung hat nur ein gutes Fundament auf Augenhöhe, wenn wir uns echt und wahrhaftig begegnen. Das überträgt Marlies Pörtner auf die Beziehungsgestaltung mit Menschen mit Behinderungen.
Wie funktioniert das konkret?
Spielmann: Es geht darum, die eigene Haltung zu reflektieren und den anderen als Subjekt auf Augenhöhe wahrzunehmen. Etwa aktiv nachzufragen, ob den Klient*innen die Musik, die wir gerade hören, überhaupt gefällt oder ob wir sie ändern sollten. Oder erwachsenen Klient*innen die Möglichkeit zu geben, nicht ausschließlich Wasser oder Saft zu trinken, vielleicht mögen sie auch mal Bier oder Wein. Diese Spielräume zu eröffnen und eine Sensibilität dafür zu entwickeln, ein selbstbestimmtes Leben zu leben – darum geht es.
Ein weiteres Teilprojekt ist die persönliche Zukunftsplanung. Welchen Effekt erhoffen Sie sich gerade für junge Klient*innen?
Spielmann: Wenn Menschen die verbale Sprache fehlt, ist es mitunter nicht ganz einfach, herauszufinden, was jemand mit seinem Leben anfangen möchte. Gerade bei wichtigen Lebensübergängen – etwa nach der Schule – ist das Format der Zukunftskonferenzen so gedacht, dass Menschen aus dem Lebenskreis zusammenkommen, die den jungen Menschen gut kennen. Sie haben unterschiedliche Blickwinkel und nähern sich gemeinsam an, was der junge Mensch sich als Ort der Arbeit vorstellen kann, was ihm wichtig ist, wie er leben möchte. Dabei finde ich es aber auch wichtig, sich einen kleinen Vorbehalt zu bewahren – eine heilsame Verunsicherung. Auch wenn ich diesen Menschen als Herzensmenschen habe, greife ich vielleicht mal daneben mit dem, was ihm gefällt. Diesen Vorbehalt möchte ich bewahren. Das hat für mich viel mit Respekt zu tun.
Die Peer-Beratung durch sogenannte Wegberater*innen schafft Austausch auf Augenhöhe. Wie verändert das die Rollen?
Spielmann: Es verändert die Rolle der Mitarbeitenden, aber auch die der Klient*innen. Bei einer Veranstaltung haben die Wegberater*innen sehr selbstbewusst davon erzählt, was diese Ausbildung mit ihnen gemacht hat, wie sie sich in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt fühlen. Wenn Menschen Selbstbewusstsein bekommen, dann sind sie automatisch auf Augenhöhe.
Herr Häußler, Sie haben die Ausbildung zum Wegberater absolviert: Was hat sich für Sie ganz konkret im Alltag verändert?
Häußler: Man ist selbstbewusster geworden. Ich bin ja in vielen Gruppen dabei, aber die Wegberatung hat mich nochmal selbstständiger gemacht. Das ging auch allen anderen Beteiligten so. Man redet auf Augenhöhe mit den Mitarbeiter*innen. Wir wollen niemandem in die Tätigkeit reinreden. Wir sind dazu da, auf alternative Wege hinzuweisen, wenn es Uneinigkeiten gibt.
Welche Themen sind anderen Klient*innen wichtig?
Häußler: Ein Klient kann zum Beispiel den Wunsch nach einem Kaffee haben, auch wenn er ihn wegen der Medikamente nicht trinken sollte. Vielleicht kann man ihm dann eine entkoffeinierte Alternative anbieten. Aber eigentlich hat jemand mit Behinderung das gleiche Recht, einen Wunsch erfüllt zu bekommen – auch wenn das vielleicht gerade nicht gesundheitsförderlich ist.
Was bedeutet es für Sie, Wegberater zu sein?
Häußler: Ich bin nun schon sehr lange im Blindeninstitut, seit bald 52 Jahren. Ich habe mich beteiligt, um anderen helfen zu können. Spielmann: Peter Häußler verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz, von dem wir alle profitieren.
Haben Sie das Gefühl, dass die Wertschätzung gestiegen ist?
Häußler: Ja, wir sind gestärkt worden. Letztlich war es eine gute Entscheidung. Jetzt muss es eben auch gehört und gelebt werden. Spielmann: Genau darum geht es jetzt. Es wäre frustrierend, motiviert und gestärkt zu sein und dann die Erfahrung zu machen, nicht gefragt zu werden. Aber: Die Haltung ist die eine Sache, die strukturellen Rahmenbedingungen die andere. Es gibt auch Konflikte. Wenn es zum Beispiel nur einen Wohnplatz gibt, ist die Wahl eingeschränkt. Und Mitarbeitende haben Arbeitszeiten, die nicht grenzenlos sind. Das Recht auf Selbstbestimmung soll nicht aufhören, nur weil wir mal Personalengpässe haben.
Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen?
Spielmann: Wir versuchen dem zu begegnen mit Freizeithelfern, die den Einzelnen unterstützen, wenn er oder sie zum Fußball, in die Disco oder zum Weihnachtsmarkt will. Das ermöglicht vieles, was mit normalen Arbeitszeiten nicht denkbar wäre. Dafür haben wir letztes Jahr vom Bezirk Unterfranken den Inklusionspreis erhalten. Schön ist auch, dass dadurch Freundschaften entstehen. Wir machen uns jetzt intensiver auf den Weg und setzen einen inhaltlichen Schwerpunkt.
Herr Häußler, was erwarten Sie künftig von dem Projekt?
Häußler: Die Mitarbeitenden müssen während ihrer Tätigkeiten viel dokumentieren, sonst wird die Leistung ja nicht bezahlt. Mein Wunsch ist klar: Auch wenn die Zeit immer knapp ist, bitte Zeit nehmen und zuhören.