

Mit Tastsinn und Routine durch den Tag
Vorgestellt: Ein Tag mit dem taubblinden Chinu Kirloskar zeigt, wie Orientierung, Training und Rituale Selbstständigkeit möglich machen. Von Marco Karaschinski
Kurz nach acht strömt der Duft von frischem Kaffee und Frühstück durch den Essraum der Wohngruppe E4 im Würzburger Blindeninstitut. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner sind bereits auf den Beinen und sitzen am Frühstückstisch, andere kommen gerade von ihrer morgendlichen Hygieneroutine. Einer von ihnen ist der 43-jährige Chinmaya Kirloskar, kurz Chinu. Er ist taubblind und bewegt sich selbstständig durch die Gänge der Wohngruppe, in die Küche und zu seinem Zimmer. Er lebt bereits seit über 25 Jahren in der Einrichtung.
Mit geübten Tastbewegungen orientiert er sich an Türen, dem Kasten für den Feueralarm oder am Bodenbelag, um von seinem Zimmer aus den Weg in die Gemeinschaftsküche zu finden. Auch die morgendliche Hygiene und das Duschen schafft er praktisch ohne Hilfe, erklärt Heilerziehungspfleger Matze Fiedler. Er begleitet Chinu Kirloskar bei seinen täglichen Aufgaben. „Chinu ist einer der Ersten, die morgens aufstehen und beim Frühstück sitzen. Am liebsten isst er Obst“, erklärt Matze Fiedler. Wenn er mit Chinu spricht, dann gibt er das Gesagte gleichzeitig durch Berührungen am Arm wieder.

Routiniert und mit flinken Handbewegungen fädelt Chinu schmale Perlen auf ein langes Band.
Sport als fester Anker
Nach der morgendlichen Stärkung geht es für Chinu in die Förderstätte. Wie jeden Tag steht eine etwa 20-minütige Einheit auf dem Laufband an. Der Sportraum befindet sich zwei Stockwerke und einen langen Gang von der Wohngruppe entfernt – für Chinmaya ist das jedoch kein Problem. Vorsichtig, aber routiniert tastet er sich am Geländer im Treppenhaus entlang und die Treppen hinunter. Matze ist zwar immer in unmittelbarer Nähe für den Fall, dass er unterstützen muss, aber ohne Gegenverkehr oder andere Hindernisse auf den Treppen schafft Chinu es quasi selbstständig in den Kraftraum. Dort wird er auf das Laufband geführt, auf dem er eine gute Viertelstunde lang spazieren geht.

Die verbliebenen Sinne schulen
Nach dem körperlichen Training folgen im Arbeitsraum, nur wenige Türen weiter, einige Aufgaben zur Verbesserung der Motorik. „Es ist wichtig, dass wir die Menschen gemessen an ihren Fertigkeiten fordern, um die ihnen verbleibenden Sinne weiter zu fördern“, sagt Heilerziehungspfleger Matze Fiedler.
In dem Raum befinden sich mehrere Arbeitstische und Regale, gefüllt mit allerlei Kästchen, Holzkugeln, Perlen und selbstgebastelten Spielen, die aus Alltagsgegenständen gefertigt wurden und speziell an die Bedürfnisse der Klientinnen und Klienten angepasst sind. Heute besteht Chinus Aufgabe darin, flache Perlen auf eine lange Schnur zu fädeln.
Mit der linken Hand glättet er das obere Ende des dicken Fadens, während er mit der rechten eine Perle aus dem kleinen Plastikkasten ertastet und sie geschickt zwischen den Fingern dreht, bis ihre Öffnung auf der Höhe des Bandes liegt. Mit einer schnellen Handbewegung wechselt die Schnur in die rechte Hand, und die Perle wird in einer fließenden Bewegung der linken Hand auf das Band gezogen und bis zum Ende hinuntergeschoben. Etwa dreißigmal wiederholt sich diese Prozedur. Sobald Chinu keine Perlen mehr in dem Kästchen ertastet, dreht er es um – sein Zeichen, dass die Arbeit vollendet ist.

Zeit für Entspannung: Im Snoezelen-Raum spürt Chinu die Schwingungen der Musik, welche aus den in das Wasserbett eingelassenen Boxen strömen.
Geräusche spürbar machen
Nach erfolgreichem Abschluss des Trainings wartet der sogenannte Snoezelen-Raum auf ihn – ein speziell gestaltetes Entspannungszimmer mit beruhigendem Licht und Musik, das zur Förderung der Sinneswahrnehmung und Stressreduktion genutzt wird. Der Begriff „Snoezelen“ stammt ursprünglich aus den Niederlanden und ist ein Kunstwort aus den niederländischen Verben „snuffelen“ (schnüffeln, neugierig erkunden) und „doezelen“ (dösen, schlummern). Sinngemäß beschreibt Snoezelen damit ein „entspanntes Sinnes-Erkunden“.
Der Boden ist mit weichen Matten ausgelegt. In der Ecke steht ein Wasserbett, welches dauerhaft erwärmt wird und in dem Musikboxen verbaut sind. „Diese geben die Vibrationen und Schallwellen der Musik über das Wasser weiter und sind so spürbar“, erklärt Sozialpädagogin Sabine Kunkel.
Eine Discokugel wirft feine, wandernde Punkte an die Wände, daneben schimmern Lichtervorhänge und tauchen den ansonsten dunklen Raum in ein angenehmes, weiches Licht. Chinu kann dieses zwar nicht sehen, aber auf andere Klientinnen und Klienten wirken die warmen Lichter beruhigend. In den bunten Bubble-Tube-Lampen steigen Blasen auf. Chinu legt sich flach auf die warme Oberfläche des Bettes und verharrt dort nahezu bewegungslos. Als Sabine Kunkel die Musik einschaltet, fängt Chinu nach einiger Zeit an, lange, kehlige Geräusche von sich zu geben. Ihr Klang ist tief, und es scheint, als würde er die Vibrationen des Wasserbettes nachahmen.
Nach der etwa 45-minütigen Entspannung beginnt für Chinu seine Freizeit. „Jeder hier hat seinen eigenen, individuell angepassten Tagesablauf. Wir versuchen unseren Klientinnen und Klienten bei der Gestaltung ihrer Freizeit möglichst viele Freiheiten und Abwechslung zu ermöglichen“, erklärt Matze. Auf dem Programm stehen regelmäßige Besuche in der Stadt, gemeinsames Kaffeetrinken oder Spaziergänge.

Chinu und Matze fangen beim Spaziergang die ersten Sonnenstrahlen ein.
Chinus Art, die Welt zu erleben
Zurück in der Wohngruppe steuert Chinu in sein Zimmer. Dort steht ein großes Keyboard, das auf einer Holzkonstruktion fixiert ist, sowie ein großer Massagestab, der ebenfalls auf Holz montiert wurde. Während er seinen Kopf auf die Tasten des Keyboards legt, drückt er unterschiedliche Töne, stellt Oktaven ein und dreht an kleinen Rädchen, bis ein dumpfes, langes Geräusch ertönt. Er scheint zufrieden zu sein und den richtigen Ton mit der gewünschten Schwingung gefunden zu haben. Kurz darauf beginnt er erneut, den Ton verbal nachzuahmen.
Einige Zeit später schaltet er den am Holz befestigten Massagestab ein. Wie ein Bohrer dröhnt das Geräusch durch die Wohngruppe. In direkter Nähe ist die Lautstärke kaum auszuhalten. Chinu dagegen scheint dies zu genießen und schmiegt seinen Hals und seine Wangen an das Gerät. „Was für uns wie Baustellenlärm klingt, ist für Chinu seine eigene Art, die Welt zu erleben und zu spüren“, erklärt Matze.
Nachdem er das Keyboard und das Massagegerät abgeschaltet hat, wird es Zeit, sich fertig zu machen, denn es steht ein Besuch beim Bäcker um die Ecke auf dem Programm. Der Heilerziehungspfleger hilft beim Anziehen. Im Anschluss an das Kaffeetrinken ist noch ein kleiner Spaziergang in der ersten Frühlingssonne geplant, bevor es für den 43-Jährigen zurück in die Wohngruppe und zu seinem Keyboard geht, um den Tag auf seine ganz besondere Art und Weise ausklingen zu lassen.

Durch das lange Drücken der Tasten erzeugt Chinu auf seinem Keyboard Töne, die er durch das Auflegen der Wange spüren kann.