Auf dem Bild sieht man ein Mädchen in ukrainischer Tracht

„Schön, so wie ich bin“

Wie das Blindeninstitut München mit seinem eigenen Topmodel-Wettbewerb Kinder und Jugendliche stärkt - Interview mit Schulleiterin Ina Madlener

Zum Inhalt springen

„Schön, so wie ich bin“

Wie das Blindeninstitut München mit seinem eigenen Topmodel-Wettbewerb Kinder und Jugendliche stärkt

Auf dem Bild sieht man ein Mädchen in ukrainischer Tracht
Interview mit Ina Madlener, Leitung der Maria-Ludwig Ferdinand-Schule am Blindeninstitut München

Liebe Frau Madlener, 2021 wurde an Ihrer Schule der Wettbewerb „Blindeninstitut Münchens Next Topmodel“ ins Leben gerufen. Wie kam es ursprünglich zu dieser Idee?

Ina Madlener: Wir haben uns damals im Kollegium die Frage gestellt, was wir unseren Kindern und Jugendlichen zusätzlich zu Festen oder Freizeitaktivitäten anbieten können. Etwas, das den Zeitgeist trifft und sie wirklich anspricht. Zu dieser Zeit war „Germany’s Next Topmodel“ sehr populär, fast alle Jugendlichen haben die Show verfolgt. Zur gleichen Zeit dazu besuchte unser Kollegium das Theaterstück „Heidi weint“ in den Münchner Kammerspielen, da dort eine unserer ehemaligen Schülerinnen mitspielte. Dort ging es um die kritische Hinterfragung gängiger Schönheitsideale. Diese beiden Impulse, kombiniert mit unserem damaligen Jahresthema „Körperbewusstsein“, haben uns schließlich auf die Idee gebracht, etwas Eigenes zu entwickeln: eine Modenschau, die all unsere Schüler*innen ermutigt, sich selbstbewusst und stolz zu präsentieren.

Welche Botschaft wollten Sie mit diesem Wettbewerb vermitteln?

Ina Madlener: Es ging uns darum, dass unsere Schüler*innen spüren: Ich bin schön, genauso wie ich bin. Schönheit ist immer relativ, und sie hat viele Facetten. Wir wollten ein Format schaffen, bei dem sie auf dem Laufsteg sichtbar machen können, was sie selbst schön und stark finden – ohne den Druck, in starre Ideale hineinpassen zu müssen.

Wie lief die erste Show ab?

Ina Madlener: Im Jahr 2021 startete das Projekt zunächst mit den Klassen der Mittelstufe in Neuhausen. Die anderen Altersstufen waren zunächst nur als Zuschauer*innen dabei. Die Begeisterung war aber so groß, dass sich im nächsten Jahr mehrere Klassen aktiv vorbereiteten. Die Grundschüler sind mittlerweile feste Zuschauer, und der Wettbewerb ist zu einer jährlichen Tradition geworden.

Wie unterscheidet sich der Wettbewerb am Blindeninstitut München vom bekannten Vorbild?

Ina Madlener: Das Wichtigste ist: Bei uns gibt es keine Verlierer. Anders als bei Heidi Klum gewinnt niemand auf Kosten der anderen. Stattdessen vergeben wir Preise in verschiedenen Kategorien – für Outfit, Musik und Walk. Das macht die Teilnahme für alle ermutigend. Natürlich haben wir uns ein bisschen augenzwinkernd an der Casting-Show orientiert. Ich war als „Heidi“ in der Jury dabei, meine Kolleg*innen traten als Michael und Thomas auf, und wir haben mit Sascha auch einen großartigen Moderator, der uns immer charmant durch das Programm führt.

In diesem Jahr haben Sie das Motto „Kinderrechte sind in Mode“ gewählt. Wie wurde das umgesetzt?

Ina Madlener: Jede Klasse hat sich mit einem Kinderrecht auseinandergesetzt und dieses kreativ auf den Laufsteg gebracht – sei es durch Kleidung, Accessoires, kurze Statements, Choreografien, Musik oder Requisiten. Wichtig war, dass das jeweilige Kinderrecht für die Schüler*innen greifbar und verständlich wird. Zwei Monate lang haben sie dazu intensiv gearbeitet. Auf der Bühne hat man gespürt, wie viel Leidenschaft und Ernsthaftigkeit in den Beiträgen steckte.

Gab es in diesem Jahr einen Moment, der Sie besonders berührt hat?

Ina Madlener: Ich fand alle Beiträge großartig, aber bei einem Programmpunkt hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen: beim Thema „Recht auf Herkunft“. Die Kinder der Klasse, die dieses Thema umgesetzt haben, stammen aus verschiedenen Ländern und haben ihre traditionellen Trachten mit so viel Stolz und Freude gezeigt – das war unglaublich bewegend. Solche Erlebnisse machen für mich den Kern des Wettbewerbs aus.

Und wie blicken Sie persönlich auf die Zukunft des Wettbewerbs?

Ina Madlener: Ich hoffe sehr, dass dieses Format noch lange weiterlebt oder vielleicht durch ein ähnliches ersetzt wird. Vielleicht bin ich im nächsten Jahr nicht mehr „Heidi“, aber mein Wunsch ist, dass die Kinder und Jugendlichen weiterhin diese Bühne haben – eine Bühne, auf der sie ihre Stärken zeigen, Selbstbewusstsein entwickeln und erleben können, wie wertvoll ihre eigene Vielfalt ist.