Wie Bildung gelingt, wenn Sehen und Hören kaum möglich sind
Kultusministerin Anna Stolz besucht Klasse für Kinder und Jugendliche mit Taubblindheit im Blindeninstitut Würzburg

Wie lernen Kinder und Jugendliche, wenn Sehen und Hören stark eingeschränkt sind? Welche pädagogischen Zugänge brauchen sie, um sich Welt, Sprache und Bildung zu erschließen? Einen unmittelbaren Eindruck davon erhielt die Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz, bei ihrem Besuch in der Blindeninstitutsstiftung in Würzburg.
Gemeinsame Aktion auf dem Würzburger Stadtfest
Anschließend stellten Kerstin Rudolph, Stiftungsleiterin der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung und Dr. Gunther Schunk, Vorstandsvorsitzender der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp als Sprecher*innen des Netzwerks die überarbeitete Website des Würzburger Stiftungsnetzwerks vor (www.wuerzburg.de/stiftungen). Außerdem informierten sie über die Planungen für eine gemeinsame Aktion zum Tag der Stiftungen im Herbst, die voraussichtlich bereits beim Würzburger Stadtfest am 19. September sichtbar werden soll.
Lucas spricht mit den Händen
In einer Klasse für Kinder und Jugendliche mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung begegnete Anna Stolz dem 16-jährigen Lucas Friedlein. Er arbeitete gerade an einem taktilen Arbeitsblatt zum Zahlenraum bis 100, unterbrach seine Aufgabe aber gerne für ein Gespräch mit der Ministerin.
Seine Lehrerin Anja Dantinger übersetzte mit taktilen Gebärden: Lucas fühlte mit seiner Hand auf der Hand der Lehrerin die jeweilige Gebärde ab. Dann antwortete er, indem er mit der anderen Hand selbst gebärdete. Er erzählte der Ministerin, dass er ihr auf der Braille-Schreibmaschine einen Brief geschrieben hatte. Sie nahm den Brief mit, bedankte sich und ging weiter zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern.
Seine Lehrerin Anja Dantinger übersetzte mit taktilen Gebärden: Lucas fühlte mit seiner Hand auf der Hand der Lehrerin die jeweilige Gebärde ab. Dann antwortete er, indem er mit der anderen Hand selbst gebärdete. Er erzählte der Ministerin, dass er ihr auf der Braille-Schreibmaschine einen Brief geschrieben hatte. Sie nahm den Brief mit, bedankte sich und ging weiter zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern.
Vielfalt der Würzburger Stiftungslandschaft als Stärke verstehen
Prof. Dr. Harald Bolsinger von der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt betonte in seinem Vortrag den Wert gemeinsamer Werte für tragfähige Zusammenarbeit. Werte, so seine Botschaft, stiften Orientierung, verbinden unterschiedliche Akteurinnen und Akteure und werden erst dann wirksam, wenn sie sich auch im konkreten Handeln zeigen. Zugleich wies er darauf hin, dass das Würzburger Netzwerk andere Voraussetzungen mitbringt als der Freiburger Stiftungsverbund: Während dort zwei zentrale Themenfelder im Mittelpunkt stehen, ist das Würzburger Stiftungsnetzwerk deutlich breiter und vielfältiger aufgestellt. Gerade diese Diversität ist eine Stärke, weil sie mehr Perspektiven und Erfahrungen in die Zusammenarbeit einbringt.
Lernen beginnt mit Erfahrung
In der Würzburger Graf-zu-Bentheim-Schule erfuhr Anna Stolz aus nächster Nähe, wie Bildung gelingen kann, wenn Informationen nicht selbstverständlich über Auge oder Ohr aufgenommen werden können. Kinder und Jugendliche mit Taubblindheit erschließen sich ihre Welt auf ganz eigene Weise – körpernah, taktil und Schritt für Schritt.
Damit Bildung unter diesen Voraussetzungen möglich wird, braucht es spezifische Kommunikationswege, hoch qualifizierte Fachkräfte und Unterrichtssituationen, die individuell auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sind.
Beim Austausch mit der Ministerin erläuterte Dr. Tabea Sadowski, Expertin für Taubblindheit/Hörsehbehinderung in der Blindeninstitutsstiftung, diese besonderen Lernwege anhand konkreter Beispiele. Ein Begriff wie „Baum“ entsteht für ein taubblindes Kind wie Lucas nicht zuerst über einen visuellen Eindruck oder ein gesprochenes Wort, sondern über eine körperliche Erfahrung – etwa, wenn ein Ast das Gesicht berührt.
Erst aus solchen und vielen weiteren Erfahrungen kann sich eine komplexe mentale Vorstellung in ihm von einem Baum entwickeln. Darauf kann ein Begriff aufgebaut und später auf eine Gebärde übertragen werden.
Damit Bildung unter diesen Voraussetzungen möglich wird, braucht es spezifische Kommunikationswege, hoch qualifizierte Fachkräfte und Unterrichtssituationen, die individuell auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sind.
Beim Austausch mit der Ministerin erläuterte Dr. Tabea Sadowski, Expertin für Taubblindheit/Hörsehbehinderung in der Blindeninstitutsstiftung, diese besonderen Lernwege anhand konkreter Beispiele. Ein Begriff wie „Baum“ entsteht für ein taubblindes Kind wie Lucas nicht zuerst über einen visuellen Eindruck oder ein gesprochenes Wort, sondern über eine körperliche Erfahrung – etwa, wenn ein Ast das Gesicht berührt.
Erst aus solchen und vielen weiteren Erfahrungen kann sich eine komplexe mentale Vorstellung in ihm von einem Baum entwickeln. Darauf kann ein Begriff aufgebaut und später auf eine Gebärde übertragen werden.
Taubblindheit braucht eigene fachliche Antworten
„Taubblindheit ist nicht einfach die Summe aus Blindheit und Taubheit. Sie verändert die Voraussetzungen für Bildung grundlegend“, betonte Johannes Spielmann, Vorstand der Blindeninstitutsstiftung und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Einrichtungen und Dienste für taubblinde Menschen in Deutschland (AGTB). „Kinder und Jugendliche mit Taubblindheit oder Hörsehbehinderung brauchen hoch spezialisierte Fachlichkeit, verlässliche Strukturen und Zeit. Nur so können ihre Fähigkeiten richtig erkannt und ihre Bildungswege passend gestaltet werden.“
Deshalb warb Spielmann dafür, einen eigenen Förderschwerpunkt Taubblindheit/Hörsehbehinderung im Schulsystem zu verankern – oder zumindest verbindliche Rahmenbedingungen in bestehenden Förderlehrplänen zu schaffen. Dafür brauche es vor allem drei Bausteine: spezifische Qualifikation für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, einen mobilen sonderpädagogischen Dienst für Taubblindheit/Hörsehbehinderung sowie den gesicherten Zugang zu professioneller Diagnostik (pädagogische Audiologie) an spezialisierten Kompetenzzentren.
Deshalb warb Spielmann dafür, einen eigenen Förderschwerpunkt Taubblindheit/Hörsehbehinderung im Schulsystem zu verankern – oder zumindest verbindliche Rahmenbedingungen in bestehenden Förderlehrplänen zu schaffen. Dafür brauche es vor allem drei Bausteine: spezifische Qualifikation für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, einen mobilen sonderpädagogischen Dienst für Taubblindheit/Hörsehbehinderung sowie den gesicherten Zugang zu professioneller Diagnostik (pädagogische Audiologie) an spezialisierten Kompetenzzentren.
Thema für Bayern und die Bildungsministerkonferenz
Kultusministerin Stolz zeigte sich beeindruckt von der Arbeit der Fachkräfte und vom hohen Anspruch der pädagogischen Arbeit. Sie zeigte Verständnis dafür, dass Taubblindheit und Hörsehbehinderung eigene fachliche Antworten brauchen und dass dafür sowohl außeruniversitäre als auch universitäre Qualifizierungswege wichtig sind. „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Bildung, Teilhabe und echte Chancen – unabhängig von seinen individuellen Voraussetzungen. Mich beindruckt zutiefst, mit wieviel Kompetenz, Geduld und Herzblut hier gearbeitet wird. Genau solche hoch spezialisierten Angebote und starke Strukturen brauchen wir, damit Bildung wirklich allen Kindern und Jugendlichen gerecht werden kann“, unterstrich die Ministerin beim Besuch in Würzburg.
Als Präsidentin der Bildungsministerkonferenz 2026 will Stolz das Thema auch über Bayern hinaus weiter in den Blick nehmen. Sie kündigte an, sich vertieft mit der fachlichen Expertise von Prof. Dr. Andrea Wanka von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg auseinanderzusetzen, einer ausgewiesenen Expertin für Taubblinden-/Hörsehbehindertenpädagogik. Zudem stellte sie in Aussicht, das Thema auch auf Ebene der der Bildungsministerkonferenz stärker in den Blick zu nehmen.
Als Präsidentin der Bildungsministerkonferenz 2026 will Stolz das Thema auch über Bayern hinaus weiter in den Blick nehmen. Sie kündigte an, sich vertieft mit der fachlichen Expertise von Prof. Dr. Andrea Wanka von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg auseinanderzusetzen, einer ausgewiesenen Expertin für Taubblinden-/Hörsehbehindertenpädagogik. Zudem stellte sie in Aussicht, das Thema auch auf Ebene der der Bildungsministerkonferenz stärker in den Blick zu nehmen.



